Der Urknall der Sesshaftigkeit: Thüringens erste Dörfer vor 7.500 Jahren

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Vergessen Sie Ritterburgen und mittelalterliche Fachwerkhäuser. Wenn wir nach dem wirklich ältesten Dorf Thüringens suchen, müssen wir die Zeitmaschine viel weiter zurückdrehen. Weit vor die erste schriftliche Erwähnung, tief hinein in die Jungsteinzeit. Dort, etwa 5.500 Jahre vor Christus, ereignete sich die größte Revolution der Menschheitsgeschichte: Aus umherziehenden Jägern und Sammlern wurden sesshafte Bauern. Archäologen graben ihre Spuren im fruchtbaren Thüringer Lössboden aus. Sie finden keine steinernen Ruinen, sondern die „Schatten“ riesiger Holzhäuser, die den Beginn unserer Zivilisation markieren.

Es ist eine Detektivarbeit der besonderen Art. Wer das älteste Dorf Thüringens finden will, darf nicht nach oben schauen, sondern muss tief in die Erde blicken. Es gibt kein einzelnes „Pompeji Thüringens“, das man an einem bestimmten Ort besichtigen kann. Die Antwort auf die Frage nach dem ältesten Dorf ist nicht ein einzelner Ortsname, sondern eine ganze Kultur, die fast zeitgleich in den fruchtbaren Regionen Mitteleuropas auftauchte.

Archäologen nennen sie die Linienbandkeramik-Kultur (LBK), benannt nach den charakteristischen, mit Linienmustern verzierten Tongefäßen, die sie hinterließen. Diese Menschen waren die Pioniere der Sesshaftigkeit in Thüringen. Sie errichteten um etwa 5500 v. Chr. die ersten dauerhaften Siedlungen, die den Namen „Dorf“ verdienen.

Das „Schwarze Gold“ Thüringens als Magnet

Warum gerade Thüringen? Die ersten Bauern waren wählerisch. Sie brachten das Wissen um Ackerbau und Viehzucht aus dem Vorderen Orient über den Balkan nach Mitteleuropa. Sie suchten gezielt nach den besten Böden, die sich mit ihren einfachen Werkzeugen aus Holz und Stein bearbeiten ließen.

Sie fanden das „schwarze Gold“: Löss. Die fruchtbaren Bördelandschaften des Thüringer Beckens, die Goldene Aue am Kyffhäuser oder das Altenburger Land waren ideale Siedlungsräume. Überall dort, wo heute moderne Landwirtschaft floriert, finden Archäologen – oft bei Rettungsgrabungen vor dem Bau neuer Autobahnen oder ICE-Trassen – die Spuren dieser ersten Dörfer. Orte wie Ichstedt (Kyffhäuserkreis), Siedlungsplätze bei Weimar oder im Erfurter Umland haben spektakuläre Einblicke in diese Frühzeit geliefert.

Wie sah das erste Dorf aus? Die Kathedralen der Steinzeit

Wenn wir uns eines dieser ersten Thüringer Dörfer um 5300 v. Chr. vorstellen, müssen wir unsere Vorstellung von kleinen, gedrungenen Hütten korrigieren. Das Gegenteil war der Fall. Die Bandkeramiker bauten monumental.

Das Herzstück des Dorfes war das Langhaus. Diese beeindruckenden Gebäude waren bis zu 40 Meter lang und 6 bis 8 Meter breit. Sie wurden aus massiven Eichenpfosten errichtet; die Wände bestanden aus Flechtwerk, das mit Lehm beworfen wurde.

  • Schatten im Boden: Da Holz im Laufe von 7.500 Jahren verrottet, finden Archäologen heute keine stehenden Wände mehr. Sie finden die „Negative“ der Pfostenlöcher im Boden. Diese dunklen Verfärbungen im helleren Löss verraten den exakten Grundriss der Häuser.

Ein typisches Dorf bestand aus einer lockeren Ansammlung von vielleicht fünf bis zehn solcher Langhäuser, in denen jeweils Großfamilien oder Sippen lebten. Es gab keinen zentralen Dorfplatz oder eine Kirche wie später im Mittelalter. Das Dorf war eine Zweckgemeinschaft von Bauernhöfen, oft umgeben von kleineren Wirtschaftsgebäuden.

Das Leben der ersten Thüringer: Knochenarbeit und Innovation

Das Leben in diesen ersten Dörfern war revolutionär neu, aber extrem hart. Zum ersten Mal in der Geschichte der Region produzierten Menschen ihre Nahrung selbst, anstatt sie nur zu sammeln.

  1. Die Bauern: Auf kleinen, mühsam gerodeten Feldern rund um das Dorf bauten sie Urgetreidesorten wie Emmer und Einkorn an. Die Ernte wurde in Vorratsgruben tief in der Erde gelagert – die „Kühlschränke“ der Steinzeit.
  2. Die Hirten: Der Wald, der Thüringen damals noch viel dichter bedeckte als heute, hallte wider vom Blöken und Muhen der ersten Haustiere. Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine wurden gehalten. Das Rind war das wichtigste Tier – als Fleischlieferant, aber vielleicht auch schon als Zugtier.
  3. Die Handwerker: Die namensgebende Keramik wurde im Dorf hergestellt. Wichtiger noch waren Werkzeuge. Charakteristisch für diese Zeit ist der „Schuhleistenkeil“, ein geschliffenes Steingerät, das wie ein Dechsel zur Holzbearbeitung genutzt wurde. Ohne diese Äxte wäre der Bau der riesigen Langhäuser unmöglich gewesen.

Es war ein Leben im Rhythmus der Jahreszeiten, geprägt von harter körperlicher Arbeit auf dem Feld und der ständigen Sorge um die Ernte. Aber es war auch ein Leben in einer festen Gemeinschaft, mit stabilen Häusern, die Schutz boten wie nie zuvor.

Das Ende der ersten Dörfer

Nach mehreren hundert Jahren, etwa um 4900 v. Chr., endet die Ära der Linienbandkeramik. Die Gründe sind vielfältig und werden in der Forschung heiß diskutiert. Böden könnten ausgelaugt gewesen sein, das Klima könnte sich verändert haben.

Archäologische Funde deuten aber auch auf ein düsteres Ende hin: In der Spätphase dieser Kultur häufen sich Hinweise auf Gewalt und Konflikte. Siedlungen wurden mit Gräben und Palisaden befestigt. Es scheint, als sei die anfängliche Pionierstimmung einem Verteilungskampf gewichen.

Fazit: Das Fundament unserer Zivilisation

Das „älteste Dorf Thüringens“ ist kein einzelner Ort auf der Landkarte, den man mit einem Gedenkstein markieren kann. Es ist ein Phänomen, das sich vor 7.500 Jahren über die Lösslandschaften der Region ausbreitete.

Die Ausgrabungen der riesigen Langhäuser der Bandkeramiker zeigen uns den Moment, in dem der Mensch in Mitteldeutschland Wurzeln schlug. Diese ersten Bauern legten das kulturelle und wirtschaftliche Fundament, auf dem Jahrtausende später die germanischen Stämme und schließlich das mittelalterliche Thüringen aufbauten. Sie sind die wahren Gründerväter – und Mütter – des dörflichen Lebens.

Infobox: Wo kann man das sehen?

Da die originalen Holzhäuser längst vergangen sind, ist die Präsentation schwierig. Dennoch bieten einige Museen hervorragende Einblicke:

  • Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens (Weimar): Hier sind Originalfunde der Bandkeramik, darunter Werkzeuge und die typischen verzierten Gefäße, ausgestellt. Modelle und Grafiken erklären die Lebensweise und den Hausbau.
  • Freilichtmuseen (außerhalb Thüringens): Wer ein rekonstruiertes Langhaus in voller Größe sehen möchte, muss derzeit etwas weiter reisen, zum Beispiel nach Sachsen-Anhalt (z.B. archäologische Projekte in der Nähe von Goseck) oder in andere Teile Deutschlands, wo basierend auf ähnlichen Grabungsbefunden solche Häuser nachgebaut wurden.

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