Blick zurück: Der Todesbefehl für Thüringen im April 1945

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Dieser Artikel ist Teil einer Serie von Beiträgen, die das Ende des 2. Weltkriegs in Thüringen und speziell im Vogtland näher beleuchten soll. Die Serie wird nach und nach ergänzt bis zu den letzten Kriegstagen im April 1945 im Freistaat.

Im April 1945 war Deutschland bereits weitgehend von US-Truppe und der Roten Armee erobert worden. Auch in Thüringen stand die US Armee tief im deutschen Hinterland. Die Verantwortlichen von NSDAP und SS dachten aber nicht an eine Aufgabe oder daran, zivile Verluste zu minimieren. Stattdessen gab es auch Anfang April noch Durchhaltbefehle, die alle Thüringen zum Tode verurteilt hätten, wären sie umgesetzt worden.

Besonders der letzte Befehl von NSDAP-Gauleiter Sauckel war dabei im Endeffekt ein Todesbefehl für den Freistaat. Dies war auch der bekannteste und folgenreichste Befehl aus seiner Feder. Während US-Truppen bereits Eisenach einnahmen und auf Gotha vorstießen, erließ Sauckel am 6. April eine Proklamation, die in ganz Thüringen verbreitet wurde:

„Wer vor dem Feind die weiße Fahne hisst, wird als Landesverräter und Deserteur behandelt!“

Damit verurteilte der Gauleiter die Thüringen zum Tod. Die Zivilbevölkerung hatte keine Chance gegen die Rote Armee oder gegen die US-Truppen und Städte und Gemeinden, die sich nicht ergaben, wurden in der Regel beschossen oder bombardiert, bis es keinen Widerstand mehr gab. Ein Beispiel im Vogtland dafür war Thierbach bei Pausa. Dort lagerte eine SS-Einheit, die sich nicht ergeben wollte. Im Zuge der Befreiung des Ortes wurden deswegen größere Teile des Ortes bombardiert und zerstört.

Dieser Befehl richtete sich direkt gegen Bürgermeister und Bürger, die durch die kampflose Übergabe ihrer Orte die totale Zerstörung verhindern wollten. In der Folge kam es in zahlreichen thüringischen Dörfern und Städten zu Last-Minute-Hinrichtungen durch SS-Einheiten oder fanatische Parteifunktionäre.

Dennoch widersetzten sich viele Thüringer diesem Befehl. Trotz der deutlichen Drohungen durch lokale NSDAP Funktionäre, die Wehrmacht und die SS wurden fast alle Städte im Freistaat kampflos und ohne zusätzliche Opfer übergeben. In Zeulenroda folgt man dem Text des Befehls und kämpfte bis zur letzten Patrone. Als diese verschossen war, wurde die Stadt kampflos übergeben. Ohne den zivilen Ungehorsam gegen den letzten Todesbefehl hätte es noch deutlich mehr Opfer gegeben.

Todesbefehl mit mehrfacher Ankündigung

Der Todesbefehl im April 1945 kam nicht völlig überraschend. Bereits Monate vor dem Einmarsch der Alliierten hatte Sauckel Thüringen propagandistisch und organisatorisch auf den „totalen Krieg“ eingeschworen. Mit dem sogenannten „Volksopfer‑Aufruf“ forderte er die Bevölkerung auf, Kleidung und Ausrüstung für den im Herbst 1944 aufgestellten Volkssturm bereitzustellen. Der Gau Thüringen sollte nach Sauckels Vorstellung als logistisches Rückgrat eines letzten Widerstands dienen. Die Botschaft war eindeutig: Jede Ressource gehört dem Krieg.

Bekannt ist auch, dass Sauckel in dieser Phase zahlreiche Großkundgebungen im Gau Thüringen abhielt, um den Volkssturm zu mobilisieren und Durchhalteparolen zu verbreiten. Anfang 1945, am 17. Januar 1945, ordnete er die Erfassung der 15‑ und 16‑jährigen Jungen (Jahrgang 1929) für den Waffendienst an – ein weiterer Schritt zur totalen Mobilisierung der letzten Reserven. Sauckel stilisierte den bevorstehenden Kampf zunehmend zu einem religiös überhöhten „Endkampf“ um die Existenz Thüringens.

Als die Front im März 1945 die Werra erreichte, verschärfte Sauckel die Repressionen drastisch. Er autorisierte die Einführung sogenannter „fliegender Standgerichte“, mobiler Sonderkommandos, die den Auftrag hatten, vermeintliche „Feiglinge“ und „Defätisten“ – darunter häufig versprengte Soldaten oder Zivilisten, die den Sinn des Weiterkämpfens infrage stellten – ohne reguläres Verfahren hinzurichten. Diese Maßnahmen sollten den militärischen Zusammenbruch verzögern und dienten zugleich der Einschüchterung der Bevölkerung.

Die Befehle Sauckels führten dazu, dass Thüringen – anders als andere Regionen – noch in den allerletzten Kriegstagen unnötige Opfer zu beklagen hatte. Fritz Sauckel wurde 1946 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilt. Sein fanatisches Festhalten an der Durchhaltepolitik wurde als Teil seiner verbrecherischen Amtsführung gewertet.

Sauckel floh ohne zu kämpfen

Fritz Sauckel hat sich keineswegs an die drakonischen Maßstäbe gehalten, die er der Bevölkerung und seinen Untergebenen mit dem Befehl vom 6. April 1945 auferlegt hat. Während er anderen mit der Hinrichtung drohte, falls sie kapitulierten oder die weiße Fahne hissten, bereitete er selbst seine Flucht vor. Obwohl Sauckel Thüringen zum „Trutzgau“ erklärt hatte und die Bevölkerung zum Kampf bis zum Äußersten aufrief, verließ er seine Residenz in Weimar bereits am 10. oder 11. April 1945 – nur wenige Tage nach seinem berüchtigten Befehl. Er floh vor den herannahenden US-Truppen zunächst in den Süden Thüringens und später weiter nach Bayern (Berchtesgaden), um sich der Gefangennahme zu entziehen. Entgegen seinem Befehl, dass jeder „Landesverräter“ sei, der den Kampf aufgibt, leistete Sauckel bei seiner Festnahme keinen Widerstand.

Seine Flucht blieb aber erfolglos. Sauckel wurde von US-Truppen in Berchtesgaden festgenommen und gehörte zu den 24 Hauptkriegsverbrechern, die vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagt wurden. Ihm wurde vor allem die Organisation der Zwangsarbeit zur Last gelegt, unter der Millionen Menschen litten und starben. Sauckel wurde in den Anklagepunkten „Kriegsverbrechen“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ für schuldig befunden. Er verteidigte sich bis zuletzt damit, lediglich Befehle ausgeführt zu haben. Er wurde am 16. Oktober 1946 in Nürnberg durch den Strang hingerichtet.

Die Telefongeschichte von Thüringen

Ein Blick auf die Entwicklung der Telefon-Technik und Netze speziell im Freistaat. Wo gab es die ersten öffentlichen Ämter, wo waren erste Fernsprecher und Telefonverbindungen zu finden? Kleiner Spoiler: Erfurt,Weimar oder Jena waren nicht die ersten Städte mit Telefonie. Dazu gibt es einen Blick auf die generell Entwicklung der Telefontechnik in Deutschland.

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