Wann sollten Straßennamen umbenannt werden?

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Masterarbeit

Absolventin der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH Regensburg) hat ein Handlungskonzept zur Überprüfung von Straßennamen erarbeitet.


Was soll eine Stadt tun, wenn eine Person, nach der eine Straße benannt wurde, als Akteur*in des Nationalsozialismus enttarnt wird? Oder wenn Orte, die an kolonialistische Bestrebungen Deutschlands erinnern, als Namensgeberinnen eines Platzes oder einer Gasse fungieren? Dies sind Fragen, die in aktuelle gesellschaftliche Debatten um die (Um-)Benennung von Straßen einmünden, und mit denen sich aktuell auch die Stadt Regensburg beschäftigt. Nelly Klein, ehemalige Masterstudentin an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH Regensburg), hat ein Handlungskonzept zur Überprüfung der Regensburger Straßennamen erarbeitet.

„Erarbeitung eines Handlungskonzepts zur Überprüfung der Regensburger Straßennamen auf koloniale, nationalsozialistische und anderweitig belastende Zusammenhänge“ heißt die Masterarbeit von Nelly Klein, die im Studiengang „Soziale Arbeit – Inklusion und Exklusion“ entstanden und von Prof. Dr. Clarissa Rudolph und Prof. Dr. Philip Anderson an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaftenbetreut worden ist.

Straßennamen, so hat Nelly Klein herausgearbeitet, haben vor allem zwei Funktionen: sie dienen der Orientierung und dem Gedenken. Letzteres ist als Bestandteil eines kollektiven und kommunikativen Gedächtnisses einer Gesellschaft zu verstehen. Somit könnte man Straßennamen als einen Spiegel der Geschichte betrachten, in dem sich städtisches Erinnern dokumentiert, weshalb eine Umbenennung Stadtgeschichte zerstört oder unsichtbar macht. Allerdings verweist Nelly Klein mit Saskia Handro darauf, dass es dabei um „historisch gewachsene politische Machtstrukturen und Modi der Ausgrenzung und Integration gesellschaftlicher Gruppen aus dem symbolischen Haushalt städtischer Ehrungen“ handelt. So wird deutlich, an wen sich eine Gesellschaft erinnern will, wer zum Kanon wichtiger Persönlichkeiten gehört und wer die Macht hat(te), diesen Kanon zu definieren. „Dass sich dies im Laufe der Zeit verändert, macht den Wandel von Gesellschaft deutlich und zeigt die Möglichkeit auf, sich aktiv mit der globalen, der nationalen und der Stadtgeschichte auseinanderzusetzen“, sagt Prof. Dr. Clarissa Rudolph. Denn es hat sich ein breiter Konsens etabliert, dass öffentliches Gedenken nicht dazu beitragen darf, Personen oder Taten zu ehren, die andere Menschen oder soziale Gruppen diskriminieren oder die die nationalsozialistische Vergangenheit relativieren.

In diesem Kontext sind die kommunalen Überlegungen zu verstehen, sich mit den Straßennamen der Stadt auseinanderzusetzen und ihre Bedeutung kritisch zu reflektieren. Allerdings sind diese Prozesse der Überprüfung von Straßennamen meistens komplizierte und langwierige Prozesse, deren Ergebnis selbst bei belasteten Personen oder Orten nicht zwangsläufig eine Umbenennung sein muss. Auch Möglichkeiten der Kontextualisierung durch eine erklärende Gedenktafel oder durch digital aufgearbeitete Straßenkarten und geschichtliche Einordnungen können einen sinnvollen Umgang mit belasteten Straßennamen darstellen. Wichtig ist, dass ein solch aktiver und diskursiver Prozess, der durchaus länger dauern kann, unter Einbezug sowohl von Expert*innen als auch von Mitgliedern der Zivil- und Stadtgesellschaft stattfindet. Das von Nelly Klein vorlegte Konzept für einen solchen Prozess in Regensburg geht auf die differenzierte Auseinandersetzung mit den theoretischen Hintergründen und Erfahrungen anderer Kommunen zurück und entwickelt einen konkreten Vorschlag zur Umsetzung. Dabei liegt die Herausforderung darin, ein solches Projekt, wie Geschichte überhaupt, nicht als abgeschlossen zu betrachten, sondern als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung einer offenen Stadtgesellschaft mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen: Wer wollen wir sein und wo wollen wir uns verorten?

Regensburgs Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer bezeichnet Nelly Kleins Masterarbeit als „wichtigen Meilenstein“ in der Debatte vor Ort. 900 von 1.300 Straßen in Regensburg müssten noch überprüft werden, 400 Straßennamen wurden bereits als eindeutig unbelastet eingestuft. Letztlich soll eine Expertenkommission Vorschläge erarbeiten, wie mit jedem einzelnen der belasteten Namen am besten zu verfahren ist.

Autor: Michael Hitzek, Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg.

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