Thüringen: Arbeitskräftemangel im Tourismus wie angezogene Handbremse

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Trotz gestiegener Beschäftigtenzahlen steht das personalintensive Thüringer Hotel- und Gastgewerbe in den kommenden Jahren vor enormen Herausforderungen bei der Fachkräftegewinnung. „Der Arbeitskräftemangel wirkt gerade im derzeitigen touristischen Aufschwung wie eine angezogene Handbremse“, sagte Tiefensee heute beim Thüringer Tourismustag in Bad Langensalza. Aus seiner Sicht gibt es vor allem zwei Hebel, um diese Bremse zu lösen: „Die Branche muss ihre Attraktivität als Arbeitgeberin weiter verbessern. Und wir brauchen mehr qualifizierte Zuwanderung in die Tourismuswirtschaft.“ „Arbeiten im Gastgewerbe“ war das Thema des diesjährigen Thüringer Tourismustags. Rund 100 Branchenvertreter, Experten, Akteure und Praktiker diskutierten hier über Strategien zum Umgang mit der Personalknappheit in den Betrieben.

Nach Stellenabbau und Betriebsschließungen während der Corona-Pandemie war die Zahl der Beschäftigten im Thüringer Gastgewerbe zuletzt wieder angestiegen – um mehr als 2.000 im Jahr 2022. Allerdings sind das immer noch 1.800 Beschäftigte weniger als 2019. Angesichts der demographischen Entwicklung werde sich der Kampf um die Köpfe und Hände im Tourismus aber weiter verschärfen, sagte Tiefensee. So müssen laut Fachkräftestudie des Landes bis 2035 allein in den Hotel- und Gaststättenberufen 6.500 Arbeitsplätze altersbedingt neu besetzt werden. Aktuell können mehrere Hundert Stellen nicht besetzt werden. Zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs wird dabei inzwischen verstärkt auch auf ungelernte Beschäftigte zurückgegriffen: Deren Zahl stieg von 2020 bis 2022 von 1.600 auf 3.700 an, während die Zahl ausgebildeter Tourismusfachkräfte im selben Zeitraum von 7.000 auf 5.000 zurückging.

Angesichts der Tatsache, dass die Potentiale an Berufspendlern und Arbeitslosen aufgrund der guten Arbeitsmarktentwicklung in Thüringen inzwischen weitgehend erschöpft sind, werde vor allem die Zuwanderung aus dem Ausland eine immer wichtigere Quelle der Fach- und Arbeitskräftegewinnung, sagte der Minister. Er verwies auf ein Projekt des DEHOGA Thüringen zur Gewinnung und Betreuung von ausländischen Auszubildenden, das vom Wirtschaftsministerium gefördert wird. Projekte wie diese sollen in Zukunft mit Hilfe des Landes noch deutlich ausgeweitet werden, kündigte Tiefensee an. Dies betreffe den Ansatz der DEHOGA ebenso wie das Modellprojekt des Landes zur Gewinnung von vietnamesischen Auszubildenden wie auch die Initiative des Wirtschaftsministeriums zum Aufbau einer „German Professional School“ (GPS). „Die GPS soll nicht nur die Anwerbung, sondern auch die Integration, Betreuung vor Ort und Eingliederung von ausländischen Azubis in die Betriebe der Region auf eine breite und professionelle Grundlage stellen“, sagte Tiefensee. Auf diese Weise sollte auch die Zahl von Ausbildungsabbrüchen verringert werden. Er gehe davon aus, dass die GPS mit den ersten Azubis Anfang 2024 starten könne – und dann gezielt auch Fachkräftenachwuchs für das Hotel- und Gastgewerbe rekrutieren könne.

Ein anderer wichtiger Ansatz zur Fachkräftebindung bestehe darin, die Attraktivität der Tourismusbranche als Arbeitgeberin weiter zu verbessern. „Da ist gerade im Lohnbereich zuletzt viel passiert, wie der Tarifabschluss 2022 mit seiner Lohnsteigerung von 16,5 und weiteren sechs Prozent in diesem Jahr zeigt“, so der Minister. Darüber hinaus gehe es gerade im Gastrobereich mit seinen hohen Anforderungen hinsichtlich Abend-, Sonn- und Feiertagsarbeit künftig sehr viel stärker auch um Themen wie Familienfreundlichkeit und Weiterbildung. „Hier attraktive Arbeitszeitmodelle, gute Kinderbetreuung und berufliche Entwicklungsperspektiven anzubieten, wird in Zukunft maßgeblich über Erfolg oder Misserfolg bei der Mitarbeitergewinnung entscheiden.“

Zum Dritten schließlich sei es wichtig, dass sich auch das Gastgewerbe künftig noch stärker den Themen Digitalisierung und Automatisierung öffne. „Das mag mit Blick auf eine stark personenbezogene Dienstleistungsbranche wie den Tourismus zunächst etwas weit hergeholt klingen – tatsächlich ist der Anteil der Tätigkeiten, die sich automatisieren lassen, in den vergangenen zehn Jahren in allen Wirtschaftsbereichen deutlich gestiegen“, sagte der Wirtschaftsminister. Inzwischen seien nicht mehr nur manuelle, sondern auch kognitive Arbeitsprozesse digitalisierbar. Das betreffe auch die Lebensmittel- und Gastgewerbeberufe, die laut Thüringer Fachkräftestudie mit einem Anteil von 44 Prozent automatisierbarer Tätigkeiten etwa im Mittelfeld aller Wirtschaftsbereiche liege. „Das ist ein Potential, das genutzt werden kann“, so Tiefensee. Dabei gehe es gar nicht um den Ersatz kompletter Stellen, sondern vielmehr um unterstützende Tätigkeiten, durch die menschliche Arbeitskraft flexibler und gezielter eingesetzt werden könne. „Die Digitalisierung von Prozessen etwa bei Kassensystemen, in Serviceketten und bei der Kundenansprache über Internetportale können wichtige Mittel sein, um effizienter mit begrenzten Personalressourcen umzugehen“, so der Minister. Das Wirtschaftsministerium hat zuletzt auch sein Förderprogramm „Digitalbonus Thüringen“ für das Hotel- und Gastgewerbe geöffnet

„Der Fachkräftemangel ist eine ernste Herausforderung für alle Wirtschaftsbereiche in Thüringen“, sagte Tiefensee – dennoch gebe es gute Ansätze, die Probleme in den Griff zu bekommen. Weitere Punkte sind eine hohe Ausbildungsbereitschaft der Betriebe – immerhin ist davon auszugehen, dass die Zahl der Auszubildenden in den kommenden Jahren wieder ansteigt –, die Verringerung von Teilzeitarbeit und die Erhöhung der Erwerbstätigenquote insbesondere bei Frauen und Älteren.

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