Erfurt: Hilfe für die seelische Gesundheit in der Krise

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Die Arbeiten im Erfurter Gesundheitsamt laufen derzeit ganz unter dem Eindruck des Pandemiegeschehens. „Die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen stellen für viele Menschen eine beängstigende Situation dar“, erläutert Anke Brückner, Psychiatrie- und Suchtkoordinatorin der Stadtverwaltung Erfurt. „Die derzeitige Lage ist für die Menschen schwer einschätzbar, schon daraus entstehen Unsicherheiten und Ängste.“

So geraten immer mehr Menschen in seelische Nöte. Laut einer Studie der Pronova BKK verzeichnen Psychotherapeuten und Psychiater derzeit deutlich mehr Therapieanfragen als üblich. Die Erfurter Telefonseelsorge registriert seit dem ersten Lockdown im März dieses Jahres eine deutliche Zunahme der Anrufe. Ältere oder alleinstehende Anruferinnen und Anrufer sprechen oft von Einsamkeit, Selbständige vor allem von finanziellen Sorgen, Menschen mit psychischer Erkrankung von einer Verschlimmerung der Symptome und manche sogar von Lebensmüdigkeit.

„Menschen sind seit jeher mit Krisen konfrontiert“, so Brückner. „Das Modell von Johann Cullberg und Verena Kast beschreibt die Bewältigung von traumatischen Ereignissen.“ Die erste Phase ist der Schock. Es breitet sich ein inneres Chaos aus und die Menschen fühlen sich wie gelähmt. Je nach Situation oder Mensch kann diese Phase auch als „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ verstanden werden. In der zweiten Phase sickert die Realität langsam ins Bewusstsein. Dem folgen chaotische Gefühle von Angst, Hilflosigkeit, Bedrohung oder Kontrollverlust. Aber auch Abwehrmechanismen können greifen und zu weiterer Verdrängung führen. In der dritten Phase folgt der Bearbeitung der eigenen Situation. Hierzu gehört die Akzeptanz der veränderten Situation oder eines Verlustes. Ein Gefühl der Handhabbarkeit entsteht und gleichzeitig beginnt die Suche nach Lösungen, mit denen die Krisensituation bewältigt werden kann. In der letzten Phase der Neuorientierung richtet sich der Mensch neu zu sich und seiner Umwelt aus.

Diese Phasen werden nicht starr durchlaufen, sondern werden individuell geprägt von jedem einzelnen Menschen. So kann es zu Überlappungen der Phasen oder fehlender Abgrenzung untereinander kommen. Es kommt auch vor, dass sich Phasen wiederholen.

Was hilft an dieser Stelle?

Eine nüchterne und rationale Betrachtung der Situation hilft, aus dem eigenen Gefühl der Hilflosigkeit einen Ausweg zu finden. Angehörige, Freundinnen oder Freunde können gefragt werden, wie diese mit der Lage umgehen. Damit wird ein Perspektivwechsel geschaffen und Verhältnismäßigkeit hergestellt. Auch andere sollten mit Zuversicht und Gelassenheit ermutigt und befähigt werden, die Situation besonnen zu betrachten, auch wenn das nicht einfach ist.

Derzeit macht es Sinn, verstärkt nach sich selbst zu schauen, ob es Anzeichen seelischer Veränderung gibt. Wenn sich Erfurterinnen oder Erfurter bewusst machen, dass sie Hilfe brauchen, sollten sie sich nicht scheuen, ihre Netzwerke zu aktivieren. Auch die Erfurter Versorgungseinrichtungen rund um seelische Erkrankungen, beispielsweise die Beratungsstellen, die psychiatrischen Stationen der Kliniken, die Telefonseelsorge, der Sozialpsychiatrische Dienst, die Teilhabezentren usw. haben sich auf den Weg gemacht. Im Rahmen regelmäßiger Telefonkonferenzen sind alle Netzwerkpartner über die Psychiatrie- und Suchtkoordinatorin des Gesundheitsamtes in einem kleinen Coronanetz zusammengefasst und tauschen sich aus.

Erfurterinnen und Erfurter können sich neben der 24-stündigen Bereitschaft der Telefonseelsorge unter den Telefonnummern  0800 1110111oder 0800 1110222 auch an folgende Anlaufstellen wenden:

  • Erfurter Beratungsstelle Nord 0361 6005102
  • Erfurter Beratungsstelle Südost 0361 65390162
  • Sozialpsychiatrischer Dienst des Gesundheitsamtes 0361 655-4248

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