Jena: ThULB erforscht Bestände aus der NS-Zeit

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Die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB) stellt sich ihrer Vergangenheit und gleichzeitig einer Mammutaufgabe: Das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste (DZK) hat jetzt einen Fördermittelantrag bewilligt und so können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ThULB darangehen, Verdachtsfälle von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut aufzuspüren und deren Provenienz zu klären. Ziel der Bemühungen ist es, wenn immer möglich die zu Unrecht erworbenen Bücher ihrem rechtmäßigen Eigentümer bzw. dessen Nachfahren auszuhändigen.


„Unsere Bemühungen reihen sich ein in das Ziel, die Geschichte unserer Institution aufzuarbeiten“, sagt Dr. Joachim Ott, Fachreferent für Kunstgeschichte und Musik und zugleich Leiter der Abteilung Historische Sammlungen. Heißt konkret, die NS-Zeit steht am Anfang, die Nachkriegszeit und spätere DDR-Zeit werden folgen. Doch zunächst steht die NS-Zeit im Fokus. Bibliothekarin Katrin Maria Kurlanda verdeutlicht die Dimension der Aufgabe: „Die vorhandenen Zugangsbücher der NS-Zeit verzeichnen bis zu 30.000 für die Sichtung auf verfolgungsbedingt entzogenes Eigentum relevante Zugänge“. Gleichzeitig scheint hier ein erstes Problem auf. Wie Kurlanda sagt, seien die Zugangsbücher nicht vollständig, die Zeiträume April 1933 bis März 1937 und Oktober 1943 bis März 1944 fehlen, was durch eine durchgehende Signaturzählung, die kurz nach der NS-Zeit vergeben wurde, kaschiert ist. Die überlieferte Erklärung der fehlenden Bände – die Zugangsbücher seien im Frühjahr 1945 bei der Zerstörung der Bibliothek verlorengegangen – ist einer der Ausgangspunkte für vertiefte Forschungen.

Dr. Andreas Christoph, der als Abteilungsleiter für Digitales Kulturgut- und Sammlungsmanagement zum Lenkungs-Team des Projektes gehört, spricht von dem Ziel, die Provenienzforschung bestmöglich mit den Prozessen im Haus zu verbinden. Das heißt, wenn Verdachtsmomente auftauchen, etwa ein Exlibris oder ein anderer Besitzer-Vermerk, soll genauer geschaut werden. Gemeinsam mit dem Projektmanager Stefan Lux entwickelt er einen Prozessablauf, um Hinweise auf den Erwerb oder die Schenkung von Büchern von Personen mit Verfolgungshintergrund, die sich in den Zugangsbüchern oder anderen Verwaltungsakten der Bibliothek finden, digital zu dokumentieren. Gesucht werde keineswegs nur nach Büchern, die einst einen jüdischen Besitzer hatten, sagt Joachim Ott: „Bibliotheken haben auch Bestände von anderen Institutionen übernommen, etwa Bücher von Arbeitervereinen, Gewerkschaften oder Logen wie den Freimaurern, zusätzlich Kartenbestände und Handschriften.“ Nicht immer müssen diese unrechtmäßig erworben oder übernommen worden sein, doch gelte es, die Verdachtsfälle genau zu prüfen.

Netzwerkbildung und Ansatzstellen für Citizen Science

Bei allen Anstrengungen, die Herkunft der Bücher zu klären, werden die Öffentlichkeit sowie andere Institutionen in Thüringen aktiv einbezogen. So gibt es Verbindungen zum Provenienzforschungsteam der Klassik Stiftung Weimar, zumal die „Anna Amalia Bibliothek“ einst als Thüringische Landesbibliothek firmierte. Es gab sogar personelle Verflechtungen: Der Bibliotheksdirektor Theodor Lockemann leitete zeitweise sowohl die Jenaer Universitätsbibliothek als auch die Landesbibliothek Weimar. Suchergebnisse und offene Fragen werden auf einer Projektwebsite und Fachportalen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, sagt Andreas Christoph: „Wir laden die Nutzerinnen und Nutzer der Bibliothek ein, sich an der Spurensuche zu beteiligen. Denn wenn möglich, sollen die zu Unrecht erworbenen Bücher ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben werden.“

Das Projekt „ThULB//Provenance“ wird mit einer Summe von 186.000 Euro vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste gefördert. Die Antragssumme beträgt 280.000 Euro, die Thüringer Staatskanzlei kofinanziert das Projekt, das für die Dauer von 24 Monaten bewilligt wurde. Für das Projekt wird an der ThULB eine Personalstelle Provenienzforschung geschaffen, um den Prozess wissenschaftlich zu begleiten.

Autor: FSU Jena.

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