Karl und Ludwig Kammerer: Thüringer Flugpioniere aus Weida

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Die Frühphase der deutschen Luftfahrtgeschichte ist eng mit regionalen Konstrukteuren und Piloten verbunden, die unter hohem finanziellem und persönlichem Risiko Pionierarbeit leisteten. Zu diesen Akteuren gehörten der Motorenbauer Karl Kammerer und sein Sohn, der spätere Chefpilot Ludwig Kammerer. Durch ihre Konstruktionen und Flugvorführungen prägten sie zwischen 1909 und 1917 maßgeblich die frühe Luftfahrt in Thüringen und Brandenburg.

Vom Maschinenbau zur Flugzeugkonstruktion

Der ursprünglich aus der Nähe von Wunsiedel im Fichtelgebirge stammende Karl Kammerer war als Spezialist für Dampfmaschinenbau tätig, bevor er 1891 in Zeulenroda seine Werkmeisterprüfung ablegte. Um das Jahr 1900 wagte er in einem eigenen Betrieb den Einstieg in die Fertigung von Explosionsmotoren. Nach geschäftlichen Rückschlägen und der Liquidation einer 1909 in Weida gegründeten Maschinenfabrik richtete Kammerer eine kleinere Werkstatt in der dortigen Turnstraße ein. Fasziniert von den technologischen Fortschritten der Jahrhundertwende, verlagerte er seinen Arbeitsschwerpunkt zunehmend auf die Entwicklung von Flugmotoren.

Ab 1909 widmete sich Karl Kammerer gemeinsam mit seinem Sohn Ludwig (geboren am 20. Juli 1886 in Chemnitz) dem Bau eines eigenen Flugapparates. Die Entwicklungskosten von über 6.000 Reichsmark mussten vollständig aus Eigenmitteln aufgebracht werden. Als Behelfs-Werft diente ein einfacher Schuppen auf dem Weidaer Turnplatz, den der örtliche Zimmermeister Pufe errichtete.

Bis zum Jahr 1911 stellten die Kammerers einen großen, rohseidenbespannten Doppeldecker fertig. Das Flugzeug wies eine Länge von 14 Metern sowie eine Breite von 12 Metern auf. Die tragende Konstruktion bestand aus Mannesmann-Stahlrohren; der Vortrieb wurde über einen selbstgebauten Propeller aus amerikanischem Nussbaumholz realisiert, der über eine Kettenübertragung von einem Vierzylindermotor mit einer Drehzahl von 1.400 Umdrehungen pro Minute angetrieben wurde. Das System verfügte zudem über zwei Schubschrauben.

Die Flugversuche in Thüringen (1909–1912)

Im Herbst 1911 begannen die praktischen Flugerprobungen. Da Ludwig Kammerer zu diesem Zeitpunkt noch über keine formelle fliegerische Ausbildung verfügte, gestalteten sich die ersten Versuche auf dem Exerzierplatz in Gera-Zschippern als riskant. Nach einem anfänglichen Unfall und der anschließenden Reparatur gelang den Konstrukteuren der erste dokumentierte und erfolgreiche Freiflug im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, welcher mit einer glatten Landung auf dem Wiesengelände vor der Liebsburg endete.

Es folgten öffentliche Schauflüge über Weida, bei denen zehnminütige Rundflüge um den örtlichen Schaf-Turm absolviert wurden. Als temporärer Flugplatz diente eine Wiese hinter dem städtischen Friedhof. Um das Projekt weiter zu finanzieren, veranstaltete die Familie ab 1912 kommerzielle Flugvorführungen in verschiedenen thüringischen Ortschaften, die jedoch von technischen und organisatorischen Rückschlägen geprägt waren:

  • Triptis: Ein Sabotage- oder Fahrlässigkeitsvorfall durch einen Nachtwächter führte zum Bruch der Tragflächenspanten, woraufhin die angekündigte Flugschau abgesagt werden musste.
  • Rudolstadt: Nach einem morgendlichen Absturz während eines Probeflugs verlor Pilot Ludwig Kammerer temporär den Mut. Um Ausschreitungen des Publikums wegen der geforderten Eintrittsgelder zu verhindern, übernahm der Vater Karl Kammerer trotz familiärer Bedenken selbst das Steuer und führte den Flug erfolgreich durch.

In der Folgezeit führten zunehmende finanzielle Engpässe sowie insgesamt drei Abstürze von Ludwig Kammerer zur vorläufigen Einstellung der Schauflüge. Das Angebot eines konkurrierenden Fabrikanten, das Flugzeug gegen Abtretung aller Rechte zu reparieren, lehnte Karl Kammerer ab.

Ludwig Kammerers Karriere als Berufspilot und Ausbilder

Um seine fliegerische Laufbahn auf eine professionelle Basis zu stellen, absolvierte Ludwig Kammerer eine fundierte Ausbildung an der renommierten Flugschule der „Wright GmbH“ in Berlin-Johannisthal. Am 16. Dezember 1911 erhielt er vom Deutschen Flieger-Bund (DLV) die Flugzeugführererlaubnis unter der Lizenznummer 144 für diese Modelle in Weimar (auf dem heutigen Flugplatz Nohra).

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg avancierte Ludwig Kammerer zu einem bekannten Akteur der deutschen Luftfahrtszene:

  • 1913: Teilnahme an der Herbstflugwoche in Berlin-Johannisthal, dem damaligen Zentrum der deutschen Aviatik. Gemeinsam mit dem Piloten Wrobel siegte er im Rennen der leichten Doppeldecker; zudem wurden im Rahmen der Veranstaltung neue Höhen-Weltrekorde aufgestellt.
  • 1914: Gefördert durch die „Nationalflugspende“ war Kammerer als Fluglehrer tätig und arbeitete unter anderem mit Melli Beese, der ersten Frau in Deutschland mit Pilotenlizenz, zusammen. Er spezialisierte sich auf den Flug und die Ausbildung auf Albatros-Maschinen, die mit einem 100 PS starken Argus-Motor ausgestattet waren.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 wurde Ludwig Kammerer als Chefpilot und Fluglehrer sowohl in Johannisthal als auch in Schneidemühl eingesetzt. Ab 1916 wechselte er als Zivilpilot zu den Märkischen Flugzeugwerken in Golm (nahe Potsdam). Das ursprünglich 1913 in Teltow gegründete Unternehmen war 1914 nach Golm verlegt worden und produzierte unter dem Konstrukteur Hillmann militärische Jagdeinsitzer (darunter die Typen DI mit 185 PS, DII und Ru CI) in Lizenzbauweise.

Das Ende der Ära Kammerer und das Gedenken

Am 19. August 1917 verunglückte Ludwig Kammerer während eines Passagier- und Erprobungsfluges auf dem Bornstedter Feld bei Potsdam tödlich. Sein Doppeldecker überschlug sich unmittelbar nach dem Aufstieg und wurde vollständig zertrümmert. Während der Pilot sofort verstarb, erlitten seine beiden Passagiere schwerste Verletzungen. Ludwig Kammerer hinterließ seine Ehefrau Liesbeth und drei Kinder; er wurde am 24. August 1917 in Berlin-Adlershof beigesetzt.

Auch der zweite Sohn von Karl Kammerer, Ernst Kammerer, kam kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs im Heeresdienst ums Leben. Karl Kammerer selbst kehrte nach dem Verlust seiner Söhne und dem Ende der Flugversuche dauerhaft in seine kleine Reparaturwerkstatt in Weida zurück, wo er bis zu seinem Tod wirkte.

Das Andenken an die flugpionierischen Leistungen der Familie bleibt insbesondere in Weida lebendig. 1924 fand Karl Kammerer Aufnahme auf dem Kriegerdenkmal des Kirchplatzes. Im Jahr 2006 benannte die Stadt Weida zudem eine neu errichtete Turnhalle nach dem Luftfahrtpionier.

HINWEIS Die Bilder sind mit Gemini AI nachbearbeitet und qualitativ verbessert.

QUELLEN

  • Pfannenschmidt, Fritz: Karl Kammerer, der Flugpionier aus Weida, in: Der Heimatbote, Beiträge aus dem Landkreis Greiz und Umgebung. 24. Jahrgang, Nr. 1/1962, Seite 24-26
  • S. Seidel: Pilot aus Golm stürzt in Bornstedt ab, in: Ortsteilzeitung Golm, Ausgabe 3, Dezember 2010
  • Stadtgeschichte Weida, https://www.stadtgeschichte-weida.de/htmlversion/indexa6cf.html?option=com_content&view=article&id=61&Itemid=63 abgerufen am 25.05.2026

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