Temperaturbedingte Sterbefälle in Thüringen: Schätzwerte und amtliche Daten klaffen weit auseinander

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Die Debatte um hitze- und kältebedingte Todesfälle beschäftigt die Politik in Thüringen. Eine Kleine Anfrage der AfD-Landtagsfraktion offenbart erhebliche Unterschiede zwischen den statistischen Schätzmodellen des Robert Koch-Instituts (RKI) und den tatsächlichen Eintragungen in der amtlichen Todesursachenstatistik des Landes.

In einer offiziellen Antwort des Thüringer Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familie wird deutlich, wie stark die Ergebnisse je nach Erfassungsmethode variieren. Während modellbasierte Schätzungen für das Jahr 2026 von Hunderten Hitzetoten ausgehen, erfasst die amtliche Statistik in Thüringen pro Jahr meist nur vereinzelte oder gar keine Fälle, bei denen Hitze als direkte Todesursache eincodiert wurde.

RKI-Schätzungen: Starker Anstieg für das Jahr 2026

Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt die hitzebedingte Mortalität in den Bundesländern mithilfe eines komplexen mathematischen Modells (einem sogenannten generalisierten additiven Modell). Dieses setzt wöchentliche Sterbedaten des Statistischen Bundesamts in Bezug zu Temperaturdaten des Deutschen Wetterdienstes und berücksichtigt saisonale sowie zeitlich verzögerte Effekte.

Laut den RKI-Wochenberichten lagen die geschätzten Hitzetodesfälle in Thüringen in den vergangenen Jahren im zweistelligen Bereich:

  • 2020: ca. 30 (Prädiktionsgrenzen: -120 bis 180)
  • 2021: ca. 20 (Prädiktionsgrenzen: -110 bis 150)
  • 2022: ca. 70 (Prädiktionsgrenzen: -140 bis 250)
  • 2023: ca. 50 (Prädiktionsgrenzen: -180 bis 250)
  • 2024: ca. 60 (Prädiktionsgrenzen: -190 bis 300)
  • 2025: ca. 40 (Prädiktionsgrenzen: -160 bis 220)
  • 2026 (vorläufige Daten bis KW 34): ca. 310 (Prädiktionsgrenzen: 70 bis 530)

Die zum Teil negativen unteren Modellgrenzen ergeben sich aus der mathematischen Unsicherheitsberechnung des Modells. Das Sozialministerium betonte, dass es in seiner eigenen Öffentlichkeitsarbeit auf diese Schätzungen des RKI zurückgreift und dabei stets auch die Prädiktionsgrenzen ausweist, um die statistische Unsicherheit abzubilden.

Die amtliche Todesursachenstatistik erfasst kaum „Hitzetote“

Ein völlig anderes Bild zeigt die amtliche Todesursachenstatistik des Thüringer Landesamts für Statistik, die auf unikausal codierten Totenscheinen nach den WHO-Regeln (ICD-10-Standard, Code X30 „Exposition gegenüber übermäßiger natürlicher Hitze“) basiert:

  • In den Jahren 2020, 2021 und 2024 wurde in ganz Thüringen kein einziger Sterbefall mit dieser primären Ursache erfasst.
  • Im Jahr 2022 wurde 1 Fall registriert.
  • Im Jahr 2023 wurden 2 Fälle verzeichnet.

Daten für 2025 und 2026 liegen für die amtliche Todesursachenstatistik noch nicht vor. Das Ministerium weist darauf hin, dass die Statistik nur das Grundleiden erfasst und Fälle, bei denen Hitze lediglich als Mitursache oder Verschlimmerungsfaktor einer bestehenden Grunderkrankung auftrat, darin nicht ausgewiesen werden können.

Kältetote: Mehr Fälle in der Todesursachenstatistik, aber kein Modell-Monitoring

Interessante Einblicke liefert die Anfrage auch bezüglich kältebedingter Sterbefälle (ICD-10 Code X31, u. a. Hypothermie und Erfrierungen). In Thüringen wurden in der amtlichen Todesursachenstatistik deutlich mehr Fälle durch Kälte als durch Hitze dokumentiert:

  • 2020: 14 Sterbefälle
  • 2021: 4 Sterbefälle
  • 2022: 15 Sterbefälle
  • 2023: 10 Sterbefälle

Im Gegensatz zur Hitzemortalität existiert für kältebedingte Sterbefälle laut der Landesregierung in Deutschland kein bundesweites, modellbasiertes Monitoring analog zu den RKI-Wochenberichten. Schätzungen zur kältebedingten Übersterblichkeit liegen dem Land daher nicht vor.

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