Erfurt: Diskussionrunde um Stolpersteine

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Neun Denknadeln erinnern seit 2007 in Erfurt exemplarisch an Jüdinnen und Juden, die verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Initiiert wurden sie vom Arbeitskreis „Erfurter Gedenken 1933 – 1945“. Die notwendig gewordene Sanierung der Nadeln nahm die Stadtverwaltung zum Anlass, in Diskussion über zusätzliche Gedenkformen zu gehen.

„Die damalige jüdische Gemeinde war vehement gegen Stolpersteine“, erinnert sich Dr. Jutta Hoschek vom Arbeitskreis. „Es gibt zwei Meinungen zu Stolpersteinen: Man verneigt sich vor ihnen oder man tritt sie mit Füßen.“ Auch Rüdiger Bender erinnert sich an die Kritik und die Forderung nach Erinnerung auf Augenhöhe. „Damals waren Stolpersteine bereits etabliert, aber es gab die Idee, dass jeder Ort einen eigenen Weg wählt“, erklärt der Vorsitzende des Förderkreises Erinnerungsort Topf & Söhne.

Ein aktuelles Meinungsbild lieferte Prof. Dr. Reinhard Schramm, Vorsitzender der jüdischen Landesgemeinde. „90 Prozent der Juden sprechen sich für Stolpersteine aus“, so Schramm. „Sie spiegeln wider, welche Lücken in Deutschland geschlagen wurden. Nicht nur die jeweilige Person betreffend, sondern auch, was jüdisches Wissen, Kultur und Religion angeht.“ Eine Kritik an den Denknadeln sei damit nicht verbunden. „Wir sollten in die Breite denken, damit die Geschichte sich nicht wiederholt“, fordert Schramm. „Die Variante der Stolpersteine hat sich durchgesetzt, ich wüsste nicht, was dagegen spricht.“

Für ein dezentrales Erinnern sprach sich auch Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, aus. „Es gibt im öffentlichen Raum viele Gedenktafeln, die nicht wahrgenommen werden, die ,tot‘ sind“, so Wagner. „Oder zentrale Orte, an denen einmal im Jahr ein Kranz niedergelegt wird.“ Der Historiker warnte vor der damit verbundenen Entlastungsfunktion, einem „Erinnerungstheater“. „Die Stolpersteine delegieren die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen nicht an einen zentralen Ort, sie geschieht am Ort des Verbrechens selbst“, so Wagner. Er betonte zudem die Bildungsfunktion einer Gedenkform. „Die Gesellschaft soll animiert werden, sich reflexiv mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Stolpersteine geben den Verfolgten einen Namen. Sie sind Verunsicherungsorte, Stacheln im Fleisch der Öffentlichkeit. Sie sollen Fragen in den Raum stellen: Wer war das? Was hat er hier gemacht?“ Der Historiker betonte die Wichtigkeit, genaue Kriterien für die Stolpersteine zu definieren und die dahinter liegende Forschung zugänglich zu machen, z. B. in Form von online einsehbaren Biografien. Er sprach sich dafür aus, die gesamte Bandbreite der Verfolgten abzudecken. Neben Jüdinnen und Juden wurden unter anderem auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Kranke, „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ von den Nationalsozialisten verfolgt beziehungsweise in Konzentrationslagern inhaftiert.

Von den praktischen Erfahrungen mit Stolpersteinen zum Gedenken an Ermordete und Vertriebene berichtete Jörg Kaps, Beauftragter für das jüdische Erbe der Stadt Arnstadt. Dort entschied sich der Stadtrat im Jahr 2006 für Stolpersteine, 162 der kleinen Gedenktafeln sind heute verlegt. „Allen Familien bedeutet es sehr viel, diesen Ort zu haben“, so Kaps. „Die Forschung zu den Familien bedeutet häufig aus, dass zerrissene Familien und alte Freunde wieder zusammenfinden.“ Nachfahren aus der ganzen Welt kommen nach Arnstadt. Begleitet wurde das Stolperstein-Projekt in der Bachstadt unter anderem von einer Ausstellung im Museum und einem Täter-Opfer-Projekt am Staatlichen Gymnasium Melissantes, nach wie vor macht Kaps Führungen mit Schülerinnen und Schülern.

Für die Stadtverwaltung lieferte die Diskussionsrunde wichtige Hinweise. Zuvor hatte der Stadtrat das Thema in den Kulturausschuss zurückverwiesen und auf Beteiligung gesetzt. „Für uns ist es wichtig, die Fallstricke zu sammeln, die dem Prozess innewohnen, von vornherein zu wissen: Was müssen wir beachten?“, erläutert der Kulturbeigeordnete Dr. Tobias J. Knoblich. „Der Vorschlag, Stolpersteine als Gedenkform auch in Erfurt zu etablieren, bleibt bestehen. Die Veranstaltung war für uns ein wichtiger und letzter Schritt, eine Vorlage für den Stadtrat zu erarbeiten.“

Für weitere Ideen und Hinweise ist das Dezernat für Kultur und Stadtentwicklung weiterhin offen. Sie können per E-Mail an dezernat06@erfurt.de gesendet werden.

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