
HINWEIS Dieser Text ist Teil einer Serie zu den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkrieges in (Ost-)Thüringen. Weitere Artikel dazu gibt es unter anderem hier: Der Todesbefehl 1945 für Thüringen | Blick zurück: die letzten Kriegstage im April 1945 in Zeulenroda und Triebes | Blick zurück: Die Befreiung von Zeulenroda und Triebes
Die US Truppen rückten am 16. April 1945 in Triebes und Zeulenroda ein und besetzen beide Städte. Sowohl in Zeulenroda als auch Triebes wurden 1945 nach der Befreiung die üblichen Maßnahmen verhängt. Die US-Truppen gingen anfangs davon aus, dass alle Deutschen Feinde waren und daher wurden diese auch so behandelt.
Folgende Erstbefehle wurden in beiden Orten gegeben (und auch in den anderen befreiten Städten unter US-Verwaltung):
- Ablieferung aller Waffen sofort im Rathaus.
- Abgabe aller Fotoapparate!
- Strenges Verbot des Plünderns! Keine Verbrüderungsversuche!
- Ausgangssperre, d.h. keine Deutschen auf der Straße vor morgens 6 Uhr und abends nach 20 Uhr!
Diese Befehlen wurden nicht ganz grundlos gegeben, denn in den letzten Tagen des Krieges waren die sogenannten Volkssturm-Lager geöffnet wurden und damit konnten sich alle Deutschen bewaffnen. Die nationalsozialiste Führungen hoffte, dass die Bevölkerung gegen die US-Truppen kämpfen würde, was aber nur selten der Fall war (und nie Erfolge brachte). Die Entwaffnung ging nicht ganz problemlos vonstatten. Pfarrer Baudler aus Triebes schrieb in seinem Tagebuch:
Auseinandersetzung mit Nachbar Arnecke, der in der Orgel der Friedhofskapelle alle seine Waffen heimlich verstaut hatte. Er ist passionierter Jäger. Die Waffenentdeckung erfolgte während eines Trauergottesdienstes. Ich liefere selbst die Gewehre ab. Keine Rekriminationen bei den Amis.
Generell berichten die Zeitzeugen, dass die Tage nach der Befreiung beider Orte davin gekennzeichnet waren, das niemand so genau wußte, wie es weiter geht. Die Schule fand nicht statt und auch in den Unternehmen gab es keine Arbeit für mehrere Tage. Vor allem die Schüler empfanden die ersten Tage nach der Befreiung daher durchaus als sehr angnehm, weil sie mehr oder weniger machen konnten, was sie wollten.
Die Kehrseite: auch in den Tagen nach der Befreiung fand sich immer noch viel scharfe Munition in der Umgebung: sowohl von dem Beschuss der Orts als auch von den Lagerstellen der Truppenteile. Es gab daher immer wieder Unglücke mit tragischen Folgen. Pfarrer Baudler berichete beispielsweise von zwei Jungen, die beim Spielen mit einer scharfen Panzerfaust eine Explosion auslösten und dabei starben.
Daneben gab es eine ganze Reihe von organisatorischen Aufgaben zu erledigen. Die Verwaltung musste komplett neu aufgestellt werden, Heimkehrer waren zu integrieren, es gab viele Anfragen von Angehörigen zu Kriegsgefangenen und Vermissten.
Blick auf Zeulenroda
In Zeulenroda war neben den genannten Aufgaben auch der Umgang mit den vielen Zwangsarbeitern in der Stadt in wichtiges Thema. Für Zeulenroda finden sich im Arolsen Archiv etwa 2700 Einträge zu namentlich genannten Zwangsarbeitern1. Das wurde schnell zum Problem, denn nach der Befreiung gab es Übergriffe und Plünderungen durch die Gefangenen, die sich für das erlittene Unrecht entschädigen wollten. Die Zeulenrodaer hatten daher nach der Befreiung Angst von der Rache der Zwangsarbeiter und für die US Truppen war die Versorgung und die Rückführung dieser Arbeitskräfte ein wichtiger Punkt.
Daneben gab es auch Untersuchungen zur Physikalisch‑Technischen Reichsanstalt (PTR) in der Stadt und die Sicherstellung der Forschungsergebnisse (mehr dazu in einem eigenen Absatz).
Blick auf Triebes
In Triebes gab es ähnliche Probleme wie in Zeulenroda nach der Befreiung. Im Arolsen Archiv werden für Triebes 221 Namen von Kriegsgefangenen aufgelistet2. Auch für diese mußte die Versorgung gesichert werden und ein Rücktransport in die Heimatländer wurde organisiert.
Dagmar Wuttge berichtete3, dass nach der Befreiung durch die US Soldaten in der Fabrikanten-Villa in Triebes eine Wäscherei für die Soldaten eingerichtet werden sollte. Nach Rücksprache wurde dies dann aber direkt im Jute-Werk installiert. (Seite 201) In den Monaten nach der Kapitulation wurde die Jute-Spinnerei für die Versorgung der Stadt genutzt. Mit der Dampfmaschine des Werks wurde Strom für das städtische Stromnetz erzeugt. Der Fuhrpark des Werkes wurde dafür eingesetzt, um Kohle heranzuschaffen. (Seite 203)
Die Übernahme der Physikalisch‑Technischen Reichsanstalt (PTR) in Zeulenroda
Im Frühjahr 1945, als die alliierten Truppen in Thüringen vorrückten, stießen sie auf mehrere ausgelagerte Einrichtungen der Physikalisch‑Technischen Reichsanstalt (PTR), die in den Jahren 1943/44 wegen der Luftangriffe und der kriegsbedingten Umstrukturierungen aus den großen Städten in sicherere, ländlichere Orte verlegt worden waren. In Orten wie Zeulenroda und benachbarten Gemeinden waren Labore, Messräume, empfindliche Messgeräte und umfangreiche Aktenbestände untergebracht worden; diese Auslagerungen dienten dazu, Forschung und Prüftätigkeiten vor Bombenschäden zu schützen und den Betrieb der PTR auch unter Kriegsbedingungen aufrechtzuerhalten.
Als US‑Einheiten in die betreffenden Regionen eintrafen, fanden Soldaten und Militärbehörden die eingerichteten PTR‑Standorte vor. Die militärische Präsenz führte dazu, dass Labore, Apparate, Proben und Dokumente unmittelbar gesichert wurden; an vielen Stellen übernahmen speziell beauftragte Militärkommandos oder technische Einheiten die Erstaufnahme. Gefundene Materialien wurden fotografisch dokumentiert und in Bestandslisten erfasst, um ihren Verbleib nachvollziehbar zu machen.
Unmittelbar nach dem Auffinden folgten drei typische Maßnahmen: Erstens die Sicherung und Inventarisierung — alle relevanten Geräte, Proben und Akten wurden aufgenommen, katalogisiert und oft in provisorischen Depots zusammengeführt. Zweitens die Beschlagnahme und Evakuierung — besonders wertvolle oder für alliierte Forschungsinteressen relevante Ausrüstungsgegenstände und Unterlagen wurden beschlagnahmt und teilweise in die USA oder in andere alliierte Verwahrstellen verbracht; dies geschah im Rahmen der Nachkriegspraktiken zur Nutzung deutscher Forschungskapazitäten und als Teil der sogenannten „intellektuellen Reparationen“. Drittens Untersuchungen und Vernehmungen — vor Ort tätige Wissenschaftler, Techniker und Verwaltungsangestellte wurden befragt, um Art und Umfang der dort betriebenen Forschung zu klären; die PTR‑Strukturen wurden gezielt auf kriegsrelevante Arbeiten wie Mess‑ und Prüftechnik oder mögliche Beiträge zur Kernforschung untersucht3.
Flugfeld bei Zeulenroda
Die Amerikaner richten dazu bei Langenwolschendorf ein provisorisches Flugfeld ein. In den Kriegserinnerungen von Albrecht Lautenschläger heißt es dazu4:
Auf Schäps-Wittigs Feld hinter dem Gottesacker, einem Roggenfeld, legten die Amerikaner einen Flugplatz an, der ca. 4 Wochen benutzt wurde.
Es existieren noch zwei Fotoaufnahmen von dieser Zeit, die dokumentieren, dass dieses Flugfeld unter anderem genutzt wurde, um Maschinen der Luftwaffe abzustellen und zu sichern. Nach der Übernahme durch die sowjetischen Truppen wurde dieses Feld nicht weiter genutzt.

Die Telefongeschichte von Thüringen
Ein Blick auf die Entwicklung der Telefon-Technik und Netze speziell im Freistaat. Wo gab es die ersten öffentlichen Ämter, wo waren erste Fernsprecher und Telefonverbindungen zu finden? Kleiner Spoiler: Erfurt,Weimar oder Jena waren nicht die ersten Städte mit Telefonie. Dazu gibt es einen Blick auf die generell Entwicklung der Telefontechnik in Deutschland.
- https://collections.arolsen-archives.org/de/search?s=Zeulenroda ↩︎
- https://collections.arolsen-archives.org/de/search?s=Triebes ↩︎
- Wuttge, Dagmar: Die Pferdekämpers – ein Spiegelbild deutscher Geschichte. Edition tintenfass, Seeheim-Jugendheim, 2007 ↩︎
- https://www.cdvandt.org/cios_xxx-36.htm ↩︎
- https://langenwolschendorf.de/wp-content/uploads/2023/07/Heft_8.pdf ↩︎


